Irreführend! Die Europäische Arzneimittel-Agentur bestätigte keine 5943 Todesverdachtsfälle nach Impfungen

Seit Anfang April 2021 haben Tausende Facebook-User ein Bild geteilt, das eine Rechnung mit Zahlen der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) zu Verdachtsfällen von Covid-19-Impftoten zeigen soll. Demnach könnten 5943 Menschen an möglichen Impfreaktionen gestorben sein, heißt es in den Postings. Die Datenbank listet allerdings lediglich Reaktionen nach der Impfung auf, darunter auch tödliche. Weil in der Regel einzelne Verstorbene mehrere tödliche Symptome zeigten, tauchen diese auch mehrfach in der EMA-Liste auf. Die tatsächliche Zahl an Menschen, die in zeitlicher Nähe einer Impfung gestorben sind, ist kleiner. Einen kausalen Zusammenhang dieser Todesfälle mit einer Covid-Impfung stellen die Zahlen nach Angaben der EMA ausdrücklich nicht dar.

Rund 3000 User haben die Aufstellung vermeintlicher Todesfälle nach einer Corona-Impfung seit dem 7. April auf Facebook geteilt (hierhier). Die Postings verweisen als Quelle auf die von der EMA  betriebene Europäische Datenbank gemeldeter Verdachtsfälle von Arzneimittelnebenwirkungen mit dem Stand vom 3. April 2021. Demnach sollen 5943 Menschen an den Folgen einer Covid-19-Impfung mit Astrazeneca, Biontech oder Moderna gestorben sein.

Eine ähnliche Behauptung kursierte bereits Mitte März auf Facebook und Telegram, damals mit der Fallzahl 3963. AFP widerlegte diese damals hier.

Facebook-Screenshot: 9. April 2021

Am 15. März hatte Deutschland zwischenzeitlich seine Impfkampagne mit dem Impfstoff von Astrazeneca ausgesetzt, nachdem es in mehreren Fällen zu Nebenwirkungen bei Geimpften gekommen war. Einen Tag später kam die erste bereits widerlegte Behauptung zur EMA-Datenbank auf. Aktuell empfiehlt die Ständige Impfkommission den Impfstoff nur bei Menschen über 60 Jahren einzusetzen. Auf eigenen Wunsch bleibt die Impfung für jüngere allerdings möglich.

Daten beweisen keinen kausalen Zusammenhang zwischen Todesfällen und Corona-Impfungen

Die Zahlen des Postings führen die vermeintliche Gesamtzahl der gemeldeten Impfschäden in Europa. Außerdem addieren sie die angeblichen Todesfälle, die im Kontext mit Impfstoffen von Pfizer/Biontech, Moderna und Astrazeneca aufgetreten sein sollen.

Die Europäische Datenbank gemeldeter Verdachtsfälle von Arzneimittelnebenwirkungen sammelt nach eigenen Angaben tatsächlich „Verdachtsfälle von unerwünschten Nebenwirkungen“ im Europäischen Wirtschaftsraum, die im Zusammenhang mit zugelassenen Arzneimitteln stehen könnten. Diese Nebenwirkungen definiert die EU als mögliche „Reaktion auf ein Arzneimittel, die schädlich und unbeabsichtigt“ sind. Die Datenbank führt zu Pfizer/BiontechModerna und Astrazeneca etwa neben Herz- und Augenbeschwerden, auch Hautirritationen und psychische Störungen auf. Laut einer Präsentation der EMA sind Kopfschmerzen, Fieber und Muskelschmerzen die häufigsten Nebenwirkungen.

Alessandro Faia, Sprecher der EMA, erklärte zu diesen Daten am 22. März in einer E-Mail an AFP: „Diese Zahlen bedeuten nicht unbedingt, dass die gemeldeten Ereignisse durch den Impfstoff verursacht wurden.“ Es könne sich auch um Symptome einer anderen Krankheit handeln oder mit einem anderen Medikament zusammenhängen, dessen Auswirkungen sich mit dem Zeitpunkt der Impfung überschneiden.

In den Hinweisen zur Interpretation der Daten weist die EMA zusätzlich auf Wechselwirkungen gleichzeitig eingenommener Medikamente hin. Dort heißt es außerdem: „Die Informationen auf dieser Website können nicht herangezogen werden, um die Wahrscheinlichkeit abzuschätzen, mit der eine Nebenwirkung auftritt.“ Dafür brauche es mehr Daten wie zum Beispiel die Zahl aller Menschen, die das Medikament oder die Impfung erhalten haben.

Weiterhin heißt es von Seiten der EMA gegenüber AFP: „Täglich sterben in der EU etwa 12.000 Menschen an verschiedenen Ursachen, davon sind 83 Prozent über 65 Jahre alt.“ Auch während der Impf-Kampagnen gebe es verschiedenste Todesursachen – „und diese können auch kurz nach einer Impfung auftreten“. Die Todesfälle in zeitlichem Zusammenhang mit Covid-19-Impfungen würden von den EU-Zulassungsbehörden aktuell geprüft.

Was sagen die Zahlen über Todesfälle aus?

In den aktuellen Postings wird die Gesamtzahl der Impfungen mit vermeintlich tödlichem Ausgang mit Stand 3. April 2021 mit 5943 angegeben. Vergleicht man diese Zahl mit den von der EMA aufgeführten Verdachtsfällen, dann ist die Größenordnung realistisch. Am  9. April betrug die addierte Zahl mit Verdachtsfällen 5980 (Anm. d. Red.: Die EMA aktualisiert Zahlen stetig). Sie beschreibt allerdings keine tatsächliche Zahl an verstorbenen Menschen, sondern die kumulierte Anzahl an Beschwerden mit Todesfolge. So kann ein Toter mehrere Beschwerden gehabt haben, die die EMA alle einzeln aufführt und auch einzeln zählt.

EMA-Sprecher Faia schrieb AFP dazu: „Wir sind uns bewusst, dass vor allem in den sozialen Medien viele Zahlen kursieren, die falsch sind und auf einem Missverständnis der Daten beruhen.“

Nach dem AFP-Faktencheck zur ersten Behauptung über vermeintlich hohe Totenzahlen richtete die EMA einen Disclaimer ein. Darin gibt die Behörde Hinweise zur Interpretation der Daten.

Faia erklärte zu den EMA-Daten, dass ein Bericht über die Reaktionen eines einzelnen Patienten gleich mehrere Einträge in der Datenbank zur Folge haben könne. Ein Beispiel: Im Falle eines am 19. März im zeitlichen Zusammenhang mit einer Moderna-Impfung verstorbenen Patienten wurden neun unterschiedliche tödliche Reaktionen aufgelistet  Die EMA führt diese entsprechend in neun Kategorien auf. Dennoch handelt es sich nur um einen Todesfall, dessen kausaler Zusammenhang zur Impfung überdies nicht bewiesen ist.

Hier die Auflistung für den beschriebenen Patienten:

Screenshot der EMA-Datenbank: 23. März 2021

Die Zahl der tatsächlichen Todesfälle ist also wie oben beschrieben kleiner als im Facebook-Posting behauptet. Die EMA gibt die Zahl der Todesfälle nach einer Impfung in der Europäischen Union auf ihrer Internetseite nicht an. Auf AFP-Anfrage erklärte eine weitere EMA-Sprecherin, Rebecca Harding, am 26. März, dass die Fälle aktuell durch eine Expertengruppe geprüft würden. „Während dieser Überprüfung können wir keine Kommentare zur aktuellen Anzahl vermuteter Nebenwirkungen abgeben.“

In Deutschland wurden dem Paul-Ehrlich-Institut laut aktuellem Sicherheitsbericht 407 Todesfälle in zeitlichem Kontext mit einer Impfung gemeldet. Der längste Abstand zur Impfung lag bei 40 Tagen. Dem österreichischen Bundesamt für Sicherheit im Gesundheitswesen (BASG) wurden laut eigenem Bericht 63 Todesfälle gemeldet. In der Schweiz sind laut Bericht der Aufsichtsbehörde für Arzneimittel und Medizinprodukte, Swissmedic, 55 Menschen gestorben.

Fazit

Die Behauptung, die Datenbank der EMA führe 5943 Todesfälle nach Covid-19-Impfungen auf, ist irreführend. Diese Zahl gibt lediglich die tödlichen Symptome an, von denen Verstorbene oft mehrere haben. Die tatsächlichen Todesfälle sind in der Datenbank nicht aufgeführt. Die tatsächliche Zahl ist kleiner. Aber auch von einer niedrigeren Zahl ließe sich kein kausaler Zusammenhang zu Impfungen ableiten. Die EMA zeigt nur Verdachtsfälle „nach“ aber nicht „durch“ die Impfung.

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