Nein, diese Artikel enthüllen keinen Skandal um Chemtrails und die Bundeswehr

Seit Ende März haben Tausende Nutzerinnen und Nutzer eine Zeitungsseite geteilt, die die Existenz von Chemtrails belegen soll. Darauf stehen zwei Artikel zum Thema. In dem einen ist die Rede davon, eine „Sprühtechnik“ aufgedeckt zu haben. In dem zweiten wird behauptet, dass die Bundeswehr die Existenz von Geoengineering und damit Chemtrails bestätigt habe. Bei der „Sprühtechnik“ handelt es sich allerdings um eine gewöhnliche Abflussleitung, die Bundeswehr hatte sich außerdem lediglich in einer Studie mit den theoretischen Möglichkeiten von Geoengineering beschäftigt, nicht mit Chemtrails.

Die vermeintlich brisanten Artikel haben 1500 Menschen seit dem 30. März auf Facebook geteilt (hier). Die Artikel-Überschriften verkünden: „Chemtrails: Sprühtechnik aufgedeckt!“ und „Bundeswehr bestätigt Geo-Engineering“. Dazu heißt es im Posting: „Für alle die es als Verschwörungstheorie abgetan haben … Die Bundeswehr bestätigt die Chemtrails und den Geo – Engineering, jetzt kommt endlich mal die Wahrheit ans Licht, was sie mit uns hier machen.“

Facebook-Screenshot: 02.04.2021

Falschbehauptungen im Zusammenhang mit Chemtrails gibt es immer wieder. AFP hat sie in der Vergangenheit widerlegt (hierhierhier). Auch das aktuell geteilte Bild ist eine solche Falschinformation.

Geoengineering und Chemtrails

Das Wort „Geoengineering“ beschreibt Eingriffe des Menschen in das globale Klimasystem. Ziel davon ist, den menschengemachten Klimawandel abzubremsen, beispielsweise durch Verringern der Sonneneinstrahlung oder durch Entfernen von Treibhausgasen aus der Atmosphäre. Das deutsche Umweltbundesamt setzte sich 2011 in einer Veröffentlichung mit solchen Vorschlägen auseinander. Das deutsche Umweltministerium erklärt Geoengineering auf seiner Website ebenfalls, ebenso der Wissenschaftliche Dienst des Bundestags. Auch das Deutsche Klima Konsortium (DKK) beschäftigte sich mit Geoengineering, genauso wie das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC).

Überlegungen zu Geoengineering sind also real. Eine interaktive Karte, unterstützt unter anderem von der den Grünen nahestehenden Heinrich-Böll-Stiftung, zeigt, wo solche Technologien zum Einsatz kommen. Dazu zählt beispielsweise ein Projekt zur Hagelabwehr in der Steiermark, bei dem Flugzeuge Silberjodid in Gewitterwolken bringen, um Schäden durch Hagel zu verhindern. Chemtrails hingegen sind Teil einer Verschwörungserzählung. Deren Anhängerinnen und Anhänger glauben, dass schädliche Chemikalien meist mittels Flugzeugen in die Luft gebracht werden. Als Beweis dafür sehen sie die Existenz von Flugzeug-Kondensstreifen am Himmel, in denen diese giftigen Chemikalien enthalten seien. „Deren Ziel sei es, die Bevölkerung der Erde zu beeinflussen, zu kontrollieren oder durch Krankheiten zu reduzieren“, fasst die baden-württembergische Landeszentrale für politische Bildung den Mythos zusammen.

Der Ursprung des Artikels

AFP hat nach mittels Stichworten nach der geteilten Zeitungsaufnahme gesucht und wurde fündig: Die beiden Artikel stammen aus der „Strassen Gazette“, Ausgabe 136 vom Dezember 2013/Januar 2014, wie hier erkennbar ist. Die „Strassen Gazette“ ist eine überregionale Straßenzeitung, die die regionale Nachrichtenplattform „Ruhrbarone“ bereits vor Jahren wegen ihres Umgangs mit Verschwörungsideologien über Chemtrails kritisierte. Der Anti-Chemtrail-Blog „Chemtrail Fragen“ griff den Artikel in der Vergangenheit ebenfalls kritisch auf.

Der Artikel in der „Strassen Gazette“ wiederum stammt ursprünglich vom Verschwörungsblog „Leyline“, der auch in den aktuell verbreiteten Artikeltexten mehrmals genannt wird. Dort fand AFP auch erneut eine weitere Version der beiden Artikel in der „Strassen Gazette“, eingestellt von User „Bernd“. Außerdem stellte „Bernd“ dort Fotos der angeblich verräterischen Flugzeugteile der „Sprühtechnik“ mit größerem Ausschnitt ein, dazu später mehr.

Der Autor des Berichts über die vermeintlich aufgedeckte Sprühtechnik heißt Bernd Hauck. Der Verschwörungsblog „Leyline“ bezeichnet Bernd Hauck auf seiner Seite als Teil seines Teams. Seinen Artikel postete Hauck 2013 auch in die Facebook-Gruppe „Aktiv gegen Chemtrails Deutschland/Germany“. Er trat 2013 außerdem als Aktivist für die Initiative „Sauberer Himmel“ auf. „Sauberer Himmel“ war eine Bürgerinitiative, die an die Existenz von Chemtrails glaubte und sich gegen das vermeintliche Versprühen von giftigen Chemikalien aus Flugzeugen einsetzte. Ein Teil des Teams von „Sauberer Himmel” formierte sich später bei „Leyline“ neu.

Autorin des Bundeswehr-Artikels ist Gabriele Lermann. Sie ist auch Verantwortliche der „Strassen Gazette“. Sie schreibt über zahlreiche Themen, beispielsweise die „Lüge Aids“ und hat ebenfalls einen Bezug zu „Sauberer Himmel“. Die Initiative lobte sie in einem Bericht als „couragierte Journalistin“, die zu regem Besuch eines Infostandes der Initiative beigetragen habe. In einem weiteren Artikel in der „Strassen Gazette“ wirbt Lermann für die Initiative „Sauberer Himmel“ und schreibt, die Existenz von Chemtrails sei im Wikipedia-Eintrag über Geoengineering „hundertprozentig bestätigt“.

Artikel 1: Aufgedeckte Sprühtechnik?

Man habe ein Beweismittel für Chemtrails entdeckt, heißt es im ersten der beiden Artikel. Bei Recherchen auf den Flughäfen Düsseldorf und Frankfurt habe man bei verschiedenen Fluglinien „Spezial-Umbauten“ fotografieren können. „Augenscheinlich handelt es sich hierbei um Sprühdüsen“, schrieb Hauck und führte seine Theorie aus, dass diese Düsen dem „Ausbringen von mikrofeinen, lungengängigen Nanopartikeln und damit dem Versprühen von Chemtrails“ dienten.

AFP hat sich die zuvor erwähnten Aufnahmen des Flugzeugs genauer angesehen.Sie zeigen eine von der mittlerweile in Konkurs gegangenen Fluglinie Air Berlin betriebenen Maschine vom Typ Airbus 320-214. Die Fluggesellschaft Austrian Airlines (AUA) hatte 2016 einen Teil der Flotte übernommen.

AUA-Sprecher Leonhard Steinmann erklärte am 2. April gegenüber AFP: „Es handelt sich hierbei um Drain Lines (Abflussleitungen), eine Sicherheitsvorkehrung des Flugzeugs. Im Falle einer undichten Hydraulik- oder Kerosinleitung könnte es zur Ansammlung von Flüssigkeit im Inneren des Pylons kommen.“ Der Pylon ist das Bindeglied zwischen Triebwerk und Flügel. Um zu verhindern, dass eine solche Flüssigkeit auf heiße Triebwerksteile tropfen und damit einen Brand verursachen könnte, gebe es diese Abflussleitungen, die die Flüssigkeit bis hinters Triebwerk leiten. „Auch für das Technikpersonal ist dadurch nach der Landung ein etwaiges Leck leichter zu erkennen“, erklärte Steinmann.

Carsten Braun unterrichtet Luftfahrzeugtechnik an der FH Aachen. AFP hat ihm ebenfalls die Fotos der vermeintlichen Sprühtechnik gezeigt. Er antwortete am 7. April in einer E-Mail, dass diese Röhrchen einerseits zum Druckausgleich zwischen Umgebungsluft und der ‘eingeschlossenen’ Luft benötigt würden. Außerdem erklärte er, wie schon Steinmann, dass die Röhrchen beim Ablaufen von Flüssigkeiten zum Einsatz kommen: “Dies ist notwendig, weil die in der Luftfahrt üblichen Aluminiumlegierungen extrem korrosionsanfällig sind. Eine Grundregel der Konstruktion von Flugzeugstrukturen ist: Jedes Tröpfchen Flüssigkeit (Wasser, Öle, Treibstoff), das sich an einem Punkt im Flugzeug befindet, wo es nicht hingehört, muss unter Einwirkung der Schwerkraft ohne aktive Maßnahmen ablaufen können.” Und weiter: “Es dürfen sich keine ‘Pfützen’ von irgendwelchen Flüssigkeiten an irgendeiner Stelle des Flugzeuges sammeln. Daher gibt es noch eine Reihe anderer Drain Ports am Flugzeug, z.B. unter dem Triebwerk oder unter dem Rumpf.“ Eine “Sprühtechnik” sei das nicht.

Genauso wenig sieht er im Foto einen Beweis für die Existenz von Chemtrails. Es sei zwar theoretisch technisch möglich, Substanzen aus Flugzeugen zu versprühen, aber: “So eine Technik in zivile Flugzeuge einzubauen und regelmäßig mit irgendwelchen Giften zu füllen und gleichzeitig zu verhindern, dass in einer Routine-Instandhaltung irgendeine Person des nicht-eingeweihten Teams das entdeckt, wäre logistisch völlig unmöglich.” Alleine in die Instandhaltung von Flugzeugen der Lufthansa-Flotte seien in Frankfurt etwa Hunderte von Menschen involviert. “Die müssten alle schweigen”, erklärte Braun.

Artikel 2: Die Bundeswehr-Analyse

In dem zweiten Artikel wird behauptet, dass Chemtrails, die hier als eine „Version des Geoengineerings“ bezeichnet werden, ständig geleugnet würden. Nun liefere aber ein Papier der Bundeswehr selbst den Beweis dafür, dass Chemtrails „nicht nur Verschwörungs-Spinnerei“ seien. Die Bundeswehr habe eine 48-seitige Abhandlung online gestellt, die eine Bestätigung von Geoengineering und Chemtrails darstelle, dazu verlinkt die Autorin auf eine Website der Bundeswehr.

Die im Artikel angesprochene Seite ist aktuell nur mehr archiviert zu finden. Das 48-seitige Analysepapier „Future Topic. Geo-Engineering“ ist aber weiterhin auf der Website der Bundeswehr verfügbar. Dort steht nichts von einer Chemtrail-Bestätigung. Das Wort „Chemtrail“ kommt in der gesamten Analyse kein einziges Mal vor.

Das Planungsamt der Bundeswehr hatte das Analysepapier demnach im November 2012 herausgegeben. Es untersteht dem Verteidigungsministerium und erarbeitet Grundlagen für die Ausrichtung der Bundeswehr. Schon im Vorwort hält das Dokument fest: „Die Studienarbeiten des Dezernats Zukunftsanalyse spiegeln keine offiziellen Positionen des BMVg (Bundesministerium der Verteidigung, Anm. d. Red.) wider.“ Das Papier beschäftigt sich damit, wie Geoengineering künftig eingesetzt werden könnte, welche Risiken dabei bestehen und wie die Rechtslage dazu aussieht. „Für die meisten Technologien des Geoengineering gilt, dass sie noch nicht ausgereift und sicher einsetzbar sind“, heißt es im Papier. Den akuten Handlungsbedarf für die Bundeswehr schätzt die Analyse dabei als „eher gering“ ein und empfiehlt, eine Position dazu auszuarbeiten.

AFP hat im Verteidigungsministerium nachgefragt, ob es seitdem noch irgendwelche theoretischen oder praktischen Beschäftigungen der Bundeswehr mit dem Thema Geoengineering gegeben hat. Eine Sprecherin schrieb AFP am 7. April: „Über die Analyse des Future Topics ‘Geoengineering’ des Planungsamtes der Bundeswehr aus dem Jahr 2012 hinaus wurde keine tiefergehende Befassung zu diesem Thema vorgenommen.“

Chemtrails gibt es nicht

In einer Stellungnahme von 2011 schrieb das Umweltbundesamt: „Für (…) die Bildung so genannter Chemtrails gibt es keinerlei wissenschaftliche Belege.“ Im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) seien die beschriebenen Phänomene nicht bekannt, ebenso seien dem Deutschen Wetterdienst keine Besonderheiten aufgefallen.

In einer auf der Internetplattform FragDenStaat öffentlich einsehbaren Anfragebeantwortung eines Bürgers verwies das Umweltbundesamt außerdem auf eine in der Fachzeitschrift „Environmental Research Letters“ veröffentlichte Studie aus dem Jahr 2016. Die Autorinnen und Autoren hatten 77 Forschende aus dem Bereich Geochemie und Atmosphärenchemie befragt, ob ihnen irgendwelche Beweise für geheime, groß angelegte Programme zur Veränderung der Atmosphäre bekannt seien. Das Fazit der Studie: „Wir fanden einen breiten wissenschaftlichen Konsens gegen die Existenz eines geheimen, groß angelegten atmosphärischen Sprühprogramms.“

Auf eine kleine Anfrage eines CDU-Politikers, ob es Chemtrails gebe, antwortete die niedersächsische Landesregierung außerdem 2015: „Der Landesregierung liegen keine wissenschaftlichen Erkenntnisse vor, wonach über Deutschland eine systematische Einbringung von Aluminiumverbindungen in der Atmosphäre durchgeführt wird.“ Auch das österreichische Landwirtschaftsministerium stellte 2017 in einer Anfragebeantwortung fest, dass für die Existenz von Chemtrails „keine wie auch immer gearteten Hinweise, geschweige denn Beweise betreffend das Versprühen von Substanzen zum Schutz des Klimas vorliegen.“

Was aber hat es mit den Kondensstreifen am Himmel auf sich, die viele Chemtrail-Gläubige als Beweis sehen? Das deutsche Institut für Physik der Atmosphäre erklärt auf seiner Website, dass bei kalten Temperaturen aus Wasserdampfemissionen von Flugzeugtriebwerken Kondensstreifen entstünden. Ist die Luft trocken, lösen sie sich rasch wieder auf, bei feuchter Atmosphäre können sie lange am Himmel blieben und sogar noch weiter wachsen.

Fazit: Weder zeigt die geteilte Aufnahme einer Zeitungsseite eine aufgedeckte „Sprühtechnik“, noch bestätigt sie die Existenz von Chemtrails durch die Bundeswehr. Bei dem abgebildeten Flugzeugteil handelt es sich um eine Sicherheitsvorrichtung, die Flüssigkeiten ableitet. Im zitierten Bundeswehr-Papier werden Chemtrails nie bestätigt. Diverse Forschungseinrichtungen und Ministerien haben die Existenz von Chemtrails in der Vergangenheit bereits verneint.

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