Nein, Nina Hagen positionierte sich nicht mit einem Lied gegen Parteien und Medien

Tausende Facebook-User haben Ende März einen Liedtext geteilt, mit dem die Sängerin Nina Hagen ein aktuelles politisches Statement abgegeben haben soll. Zitierte Teile des Liedes sollen ihre Haltung gegen etablierte Parteien und ausgewählte Medien belegen. In einem dazu verlinkten Video singt Hagen die angeblichen Textpassagen aber gar nicht. Auch dementierte die Künstlerin dies gegenüber AFP. Ihr Management prüft wegen der falschen Postings rechtliche Schritte.

Seit dem 26. März haben mehr als 3100 User auf Facebook das angebliche Hagen-Zitat geteilt (etwa hierhier und hier). In den Postings heißt es: „Nina Hagen positioniert sich deutlich“. Dazu stellen User einen regierungskritischen Text von Bertolt Brecht, den die Künstlerin zu dieser Positionierung genutzt haben soll. Diesen Text aus Brechts Lied „Im Gefängnis zu singen“ habe Nina Hagen demnach aber erweitert. Sie soll außerdem gesungen haben, dass „die Geschichte sich wiederholt“. Die Postings zitieren sie mit angeblichen Vergleichen der Sturmabteilung der Nationalsozialisten (SA) mit dem Ordnungsamt, der NSDAP mit „CDU, SPD, FDP, Grüne, AFD“ und der antisemitischen Wochenzeitung „Der Stürmer“ mit der „Bild“, „Spiegel“ und „Focus“. „Früher und Heute sind es die gleichen Strippenzieher“, heißt es weiter.

Immer noch als Zitat Hagens wird formuliert: „Der Körper gehört dem Schöpfer. Es ist nicht Euer Körper. Solange Ihr keinen schriftlichen Auftrag von Gott habt, wird jede Beeinflussung verboten als unautorisierter Eingriff.“ Es folgt eine Aufforderung: „Nehmt die Kinder aus den Schulen und organisiert eigene Bildungseinrichtungen.“

Das Posting schließt mit einem Youtube-Link zu einem Auftritt von Nina Hagen.

Facebook-Screenshot: 30. März 2021

AFP hat sich das Youtube-Video von Nina Hagens Auftritt angeschaut. Es steht bereits seit dem 27. Juli 2010 online. Darin singt Hagen tatsächlich Brechts Lied. Der gesungene Text im Video stimmt grundsätzlich mit Brechts Vorlage überein. Was nicht übereinstimmt, sind der Text in den Facebook-Postings und der Text im verlinkten Video.

In Brechts Original, das Hagen singt, heißt es: „Weil sie weder Tanks noch Kanonen mehr schützt“. Im Facebook-Posting wird jedoch „Tanks“ mit dem Wort „Geld“ ersetzt. Das singt Hagen nicht. Der zweite Teil des Postings ist ab den Worten „und die Geschichte wiederholt sich immer wieder“ gänzlich ausgedacht. Er ist weder im Youtube-Video von Hagens Auftritt noch im Liedtext von Brecht zu finden.

Die kleine Veränderung der „Tanks“ zu „Geld“ gibt einen Hinweis darauf, woher das falsche Zitat möglicherweise stammen könnte. Nina Hagen hat am 23. März selbst einen langen Post verfasst, in dem es vor allem um die aktuelle Corona-Situation und um Patientenverfügungen geht. Darin postete sie auch Brechts Liedtext und veränderte selbst das Wort „Tanks“ zu „Geld“. Die fragliche Passage mit der Politik- und Medienkritik fehlt allerdings auch hier komplett.

Nina Hagen wehrt sich gegen die Behauptung

AFP hat Nina Hagen am 30. März zu dem Posting, in dem sie zitiert wird, befragt. In einer E-Mail schrieb sie: „Hier hat ein Facebook-User ein beliebiges Nina Hagen-Foto genommen und den Text aus einem Brecht-Lied genommen, um darüber rumzuschwafeln und hat seine eigenen verwirrten Schlüsse daraus gezogen.“

Hagen verwies gegenüber AFP ebenfalls auf ihr Facebook-Posting vom 23. März. Dort hatte sie betont, dass ihre Version von Brechts Liedtext im Kontext der gewaltsamen Zerschlagung der Pariser Kommune gestanden habe, eines revolutionären Stadtrats während des Deutsch-Französischen Krieges. Im Posting der Sängerin heißt es: „Aus dem historischen Theaterstück ‚Die Tage der Commune‘, über die Pariser Kommune 1870-71.“ Dieses Posting befasste sich nirgends mit Parteien und Medien, sondern enthielt einen Aufruf zu „Solidarität mit Fakten und Aufklärung.“ Das Management von Nina Hagen prüft aktuell wegen der falschen Zitate rechtliche Schritte.

Eine Google-Suche nach dem zweiten Teil des Textes ergab außerdem keine relevanten Treffer oder Hinweise darauf, dass Hagen so etwas an anderer Stelle öffentlich gesagt haben könnte.

Fazit: Die Facebook-Postings legen fälschlicherweise Nina Hagen politische Aussagen in den Mund, die sie so weder in einem verlinkten Video noch in einem eigenen Posting zum Thema getätigt hat. Die Sängerin wehrt sich aktuell gegen das Posting.

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